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Erfahrungsbericht über Amoklauf am 26.04.2002

 

Mit den Ereignissen am Gutenberg-Gymnasium wurde uns deutlich vor Augen gehalten, dass es hierbei um eine Kategorie der schwersten Traumata handelte.

 

Das schreckliche Geschehen am Erfurter Gutenberg-Gymnasium, an dem ca. 750 Schüler und Lehrer tätig sind, hat für kurze Zeit die Welt in Atem gehalten. Eine Welle von Anteilnahme und Solidarität wurde den Betroffenen zuteil. Diskussionen um Waffenrecht, Schulabschlüsse, Sicherheitsbestimmungen und gesellschaftliche Werte wurden geführt. Neue Regeln, Verfahrensweisen bzw. Präventivmaßnahmen sollten in der Konsequenz der Ereignisse aufgestellt werden.

 

Die weltweite Gewaltstatistik zu derartigen Amokläufen an Schulen und Universitäten (1966 Texas, 1989 Montreal, 1996 Dunblane, 1999 Littleton, 2001 bei Osaka, 2002 Erfurt, 2005 Minnesota, 2006 Montreal und Emsdetten) macht deutlich, dass sich die Zeiträume zwischen diesen Gewalttaten drastisch verkürzen.

 

Es stellt sich aufgrund dieser Tatsache und der Ergebnisse am Erfurter Gutenberg-Gymnasium die Frage, ob solche oder ähnliche Gewalttaten zu verhindern sind.

 

Diese Frage kann ich Ihnen mit meinem heutigen Vortrag leider nicht beantworten. Ich werde versuchen Ihnen aufzuzeigen, was wir getan haben bzw. was wir tun konnten. Unsere Erfahrungen sollen dazu dienen, Institutionen bzw. Einrichtungen, die für mögliche zukünftige Gewalttaten zuständig sind, zielgerichteter auf derartige Vorkommnisse vorzubereiten.

Welche Ausgangssituation lag vor?

Innerhalb kurzer Zeit tötete ein ehemaliger Schüler des Gutenberg-Gymnasium 12 Lehrer, 1 Schulsekretärin, 2 Schüler, 1 Polizist und letztendlich sich selbst.

Aufgrund der Tatsache, dass unklar war, inwieweit es sich noch um einen weiteren Täter handelte, konnten die Schüler erst 2 bzw. 3 Stunden nach dem Attentat befreit werden und waren in dieser Zeit Augenzeugen der schrecklichen Taten bzw. des Sterbekampfes einzelner Personen.

Die Situation vor Ort war zunächst unübersichtlich und chaotisch.10.45 Uhr stürmte der Schüler die Schule. 11.25 Uhr waren Notarzt und Rettungssanitäter vor Ort. Zu diesem Zeitpunkt ging - wie schon erwähnt - der Krisenstab von einem 2. Täter aus. Daher Durchsuchung des Gebäudes erst gegen 12.03 Uhr. Die Schüler hat sich in Klassenräumen und Toiletten eingeschlossen. Ende der Evakuierung ca. 15.34 Uhr.

Die Erstversorgung der Verletzten und Betroffenen erfolgte im Rahmen einer Krisenintervention durch Polizei und Rettungskräfte. Zeitnah wurde eine Telefon-Hotline sowohl für die Betroffenen als auch Angehörigen installiert.

Nach 1 Woche Schulpause wurde der Unterricht an einer Ausweichschule weitergeführt, da wegen kriminaltechnischer Untersuchungen und auch Zerstörung Teile der Einrichtungen der Schulbetrieb am Gutenberg-Gymnasium nicht mehr möglich war.

Sehr schnell wurde uns klar, dass wir als gesetzlicher Unfallversicherungsträger zuständig sind und es wurde sofort Kontakt zu dem für dieses Straftat zuständigen übergeordneten Innenministerium und zeitgleich auch zum Sozial- und Kultusministerium aufgenommen. Die Zusammenarbeit gestaltete sich sehr schwierig, da es erstens ein Ereignis war, welches im Blickpunkt der Öffentlichkeit stand, jedes Ministerium sich für zuständig erklärte und wir daher als UV-Träger große Schwierigkeiten hatten, zunächst wahrgenommen zu werden.

Nur durch unser bisheriges Wissen und Erfahrung, die vorhandene Infrastruktur und unser permanentes Auftreten im Krisenstab war es uns möglich, am Aufbau der zunächst einzurichtenden Beratungsstelle vor Ort, bei der Auswahl der Beratungspsychologen, Organisation des Nachsorgekonzeptes und letztendlich Einrichtung der Koordinierungsstelle aktiv mitzuwirken.

Der Übergang von der Akutphase zur Steuerungsphase gestaltete sich schwierig und sollte in künftigen Krisenfällen größere Beachtung finden.

Für die Umsetzung des Nachsorgekonzeptes war eine Organisationsstruktur auf mehreren Ebenen erforderlich.

 

Die Verantwortung für die Koordinierungsstelle trägt nunmehr die UKT. Die Aufgaben bestanden in: Koordinierung der Belange der Schule, Kultusministerium, Stadt, Polizei und Unfallkasse Thüringen, Abstimmung des Nachsorgekonzeptes , Beratung und Qualitätssicherung. Die Koordinierungsstelle diente auch als Informationspool und Kontaktstelle zu anderen Kostenträgern.

Auch die zeitnahe technische Umsetzung sowie der Datenschutz war ein nicht unbeachtliches Problem. Die UKT richtete eine eigene Hotline ein. Durch die Installation eines Terminalservers war auch eine Verbindung zur Außenstation möglich.

Bereits Anfang Mai 2002 wurde mit der Planung des Nachsorgekonzeptes begonnen. Aufgrund der Vielzahl der Betroffen und auch der Unsicherheit hinsichtlich der Schwere des psychischen Belastungsgrades wurde eine Klassen- und auch Einzelbetreuung für alle Schüler angeboten. Auch für die Lehrer gab es ein individuelles Konzept. Hierfür waren insgesamt 56 Therapeuten notwendig, wobei pro Klasse in sogenannten Tandems (ein Bezugs- und ein Traumtherapeut) gearbeitet wurde.

Im Juni 2002 erfolgte eine diagnostische Erhebung mit Unterstützung der FSU Jena, Dr. Steil. Im Ergebnis zeigten 46 % der Schüler sowie 51 % der diagnostizierten Lehrer deutliche Zeichen einer Posttraumatischen Belastungsstörung.

Die wöchentlichen operativen Projektrunden sowie monatlichen Konzeptsupervisionen unter Einbeziehung der jeweiligen Projektleitern und Fachsupervisoren dienten der Qualitätssicherung und ergaben ein jeweiliges Feedback der Aktivitäten und Schwierigkeiten vor Ort.

Die Aufstellung der Kosten bis zum heutigen Tag zeigt, dass auch die finanzielle Belastung des Kostenträgers eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt. Die im Verhältnis zur Schwere des Ereignisses doch geringe Anzahl von Dauerrenten zeigt jedoch, dass sich das sehr umfangreiche Konzept bewährt hat. Darüber dürfen wir, glaube ich, auch etwas stolz sein.

Im Konzept gut bewährte sich die Sofort-Hotline, das Nachsorgekonzept, die Diagnostik und Organisation der psychotherapeutischen Nachsorge.

Um auf derartige Ereignisse besser vorbereitet zu sein, ist die Kenntnis über landeseigene Krisenkonzepte bzw. Organisationsstrukturen sowie ein geeignetes Konzept zur Verknüpfung zwischen Krisenintervention und Nachsteuerung unerlässlich. Bei derartigen Großschadensereignissen vom Ausmaß wie in unserem Fall ist auch ein erfahrener Krisenmanager zu empfehlen.

Bei allen Diskussionen um das bestehende Waffenrecht, Gewalt verherrlichende Spiele, Videofilme und bestehende Schulsysteme darf nicht vergessen werden, dass ein bildungsförderndes Klima in der Schule und auch schon im Kindergarten , ein intaktes Elternhaus sowie umfangreiche Freizeitangebote günstige Rahmenbedingungen bilden.

Wir geben der Gesellschaft bzw. Politik den Auftrag, Strategien zur Prävention potentieller Gewalttaten an Schulen und entsprechende o. g. Rahmenbedingungen zu entwickeln.

Ein solches Ereignis darf sich nicht wiederholen!